Wissen:

Aber was ist mit der Wandatmung?

02.10.2019 | von: fegonnow54 | Kategorie: Luftfeuchte und Kondensat, Wände | Druckansicht Druckansicht

Kann die sogenannte Wandatmung die pro Tag anfallende Wasserdampfmenge tatsächliche verringern und für ein akzeptables Raumklima sorgen?

Wandabschnitt aus hart gebrannten Ziegelsteinen (Bild von Karsten Paulick auf pixabay .com)

Die Vorstellung, dass Außenwände atmen, also Luft passieren lassen, und sich dadurch auch die Luftfeuchtigkeit verändert, ist nach meinen Erfahrungen weit verbreitet. Angetrieben werde dieser Vorgang durch Druckunterschiede, also z.B. durch Wind. Eine gesunde Raumluft würde damit maßgeblich von der Luftdurchlässigkeit der Konstruktion, den Materialien der baulichen Hülle (z.B. Lehmwände) und vom Wind bzw. den Luftdruckunterschieden abhängen. Zahlreiche Bauleute, mehr noch aber die Bauherren, lehnen mit dieser Argumentation die in neueren Bauordnungen vorgeschriebene luftdichte Gebäudehülle ab. Sie sind der Auffassung, dass unsere Gebäude angesichts mancher Bauschäden und zunehmender Allergien schon viel zu “dicht” seien. Insbesondere der „Dämmwahn“ führe dazu, dass das Haus kaum noch „atmen“ kann. Einige Baubiologen reagieren verschnupft, wenn Planer und Bauherren luftdichte Gebäude verlangen. Sie behaupten, dass dadurch ein krank machende Wohnatmosphäre entstehen kann, die alles andere als behaglich ist. Auch Baustoffhersteller betonen gelegentlich die Atmungsaktivität ihrer Baustoffe und bedienen damit die Auffassung von gesunden oder krank machenden Baustoffen.

Was hat es tatsächlich mit der Atmungsaktivität von Konstruktionen und Baustoffen auf sich? Nun, wer sich mit diesem Thema beschäftigt, stellt rasch fest, dass unter dieser Überschrift ganz unterschiedliche Vorgänge und Prozesse verstanden werden.

Zunächst wäre da der Atmungsvorgang im wörtlichen Sinne, bei dem Luft ein- und wieder ausgeatmet wird. So beschreibt Atmungsaktivität also den Austausch von Luft im Gebäude, d.h. den Zustrom frischer, sauerstoffreicher Luft durch Bauteile von außen nach innen und die Abfuhr von verbrauchter Raumluft nach außen. Diese Vorstellung ist wahrscheinlich auf den umtriebigen deutschen Chemiker und Arzt namens Pettenkofer zurückzuführen, der am Ende des 19.Jahrhunderts Überlegungen und Versuche zur hygienischen Qualität der Atemluft angestellt hat. So lesen wir bei Wikipedia: „Er stellte bei frühen Luftwechsel-Messungen in einem Zimmer fest, dass sich nach dem vermeintlichen Abdichten sämtlicher Fugen die Luftwechselrate weniger als erwartet verminderte. Daraus schlussfolgerte er einen erheblichen Luftaustausch durch die Ziegelwände hindurch. Vermutlich kam er nicht darauf, den Kamin eines im Raum befindlichen Ofens abzudichten. Luftaustausch durch die Zimmerwände hindurch sei, so Pettenkofer, ein wesentlicher Beitrag zur Reinigung der Raumluft.“

Diese Vorstellung war allerdings falsch. Wir können heute messtechnisch nachweisen, dass ein Luftaustausch durch sowohl alte als auch neuere Baustoffe einer Außenwand (Ziegel, Lehm, Holz, Fertighaus etc.) nur in sehr geringer Menge erfolgt. Die Austauschbewegung beträgt nur etwa ein Hundertstel der Luftmenge, die für die Aufrechterhaltung hygienischer Luftqualität erforderlich wäre. Wer sich also auf die Wandatmung verlässt, konsumiert daher abgestandene, ungesunde Raumluft.

Ein Fortschritt im Hausbau stellte der innere und äußere Verputz dar. Mit dessen Hilfe wurden äußere Hauswände regen- und winddicht. Zuvor gab es unangenehme Zugerscheinungen, z.B. in Fachwerkhäusern. Der Brennstoffbedarf war ohne Verputz deutlich höher. Ein Luftwechsel fand je nach Wetter und Wind zufällig statt, und war wenig bedarfsorientiert.

Atmungsaktiv soll es aber auch zugehen, wenn z.B. über geeignete Schuhe oder die neueste Wetterjacke entschieden werden soll. Ich fürchte, auch hier wird den Dingen eine Eigenschaft zugesprochen, die sie im Wortsínne gar nicht haben können. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit von äußeren Grenzschichten Wasserdampfmoleküle passieren zu lassen, Wassertropfen dagegen nicht. Das mag bei Schuhen und Jacken einigermaßen gut funktionieren, aber können wir uns auf diesen Vorgang auch verlassen, wenn es um den Feuchtegehalt unserer Wohnraumluft geht? Können die Hüllflächen, also Außenwände, Decken, Fußböden usw. soviel Wasserdampf nach außen passieren lassen, das damit ein nennenswerter Beitrag zur Trocknung der Raumluft geleistet wird? Wir erinnern uns: In unserem 3 Personenhaushalt werden täglich etwa 5 bis 8 Liter Wasser „freigelassen“, also als Wasserdampf an die Raumluft abgegeben (Ein Eimer voll Wasser, täglich?). Am nächsten Tag erneut, usw. usf.. Eine solch gewaltige Menge kann nicht „weg“ geatmet werden. Es muss also einen oder mehrere Vorgänge geben, die die zugeführte Wasserdampfmenge wirksam reduzieren, sonst würde das „Fass“ rasch zum Überlaufen gebracht.

Tatsächlich „wandern“ Wasserdampfmoleküle von Bereichen mit hoher Konzentration in Bereiche niedrigerer Konzentration ab. Dieser, Wasserdampfdiffusion genannte Vorgang, vollzieht sich im Winter meist von innen nach außen und ist in allen Außenwandkonstruktionen nachgewiesen. Mit Hilfe einer in der DIN 4108 beschriebenen Methode kann der Wasserdampftransport berechnet und die Lage der Taupunkttemperatur bestimmt werden. Allerdings zeigt sich, dass die errechneten und experimentell bestimmten Wassermengen keineswegs an die Wassermengen heranreichen, die durch die innere Feuchteproduktion (siehe auch: Ein Eimer voll Wasser, täglich?) tagtäglich aufs Neue entstehen. Ja man kann sogar sagen, der Vorgang ist für die Einhaltung einer akzeptablen Raum-Luftfeuchtigkeit belanglos, denn die mit der Diffusion abgeführte Feuchtemenge beträgt meist weniger als ein Prozent der für hygienische Verhältnisse erforderlichen Wasserdampfabfuhr. Das gilt auch für äußerst diffusionsoffene Konstruktionen (z.B. geputztes Ziegelmauerwerk).

Vorsicht ist allerdings geboten bei schwach gedämmten Konstruktionen mit wasserdampfdichteren Außenschichten, z.B. bestimmten Farben. Selbst bei geringem Eintrag von Wasserdampf kommt es durch die dampfdichte Schicht im Winter zu einer möglichen starken Anreicherung von Wasser, das nach außen nicht abgegeben werden kann. Dampfblasenbildung, Feuchtigkeitsschäden und Schimmelbildung können folgen.

Nach heutigem Wissensstand ist es vor allem der Luftaustausch durch Lüftung, der zu optimal feuchter, gesunderhaltender Atemluft führt. Es heißt daher auch in der entsprechenden DIN 4108-8:2010-09: „Nutzungsbedingte Feuchte muss durch Lüftung abgeführt werden. Im Vergleich zur Lüftung ist ein Feuchtetransport durch die Außenwände infolge Diffusion völlig vernachlässigbar und trägt zur Feuchteabfuhr praktisch nicht bei ...“.

Ich schlussfolgere daraus: Wenn ein Feuchtetransport durch die Außenwände so gut wie nicht stattfindet, dann spielt auch der stoffliche Aufbau der Wand diesbezüglich keine Rolle. Ob es also eine Außendämmung oder Innendämmung auf der Wand gibt, und ob diese aus Schaumkunststoffen, Holzfasern oder mineralischen Baustoffen besteht, ist unerheblich. Der Abbau überschüssiger Feuchte, die Reduzierung des CO2-Anteils der Raumluft und die Nachführung frischer Atemluft erfolgt nahezu ausschließlich durch die Lüftung über Fenster und Türen, durch Undichtheiten, auch den Briefschlitz und Schlüssellöcher oder eine Lüftungsanlage, nicht aber durch Wandatmung.

Der Wärmeverlust, der durch Luftundichtheiten entsteht, ist in zahlreichen Häusern so hoch, dass er die Wärmeverluste, verursacht durch schwache Wärmedämmung und veraltete Fenster, übersteigen kann.

Konstruktionen oder Baustoffe, sagen einige Baustoffvertreter, sollen deshalb atmungsaktiv sein, um neben Wasserdampf auch verschiedene Luftschadstoffe abzuführen, so z.B. Kohlendioxid.

Auch die Fähigkeit zur Feuchteregulierung im Wohnraum wird mit der so genannten Wandatmung in Verbindung gebracht. Hierbei handele es sich um die Fähigkeit der Hüllflächen (also Wände, Decke, Fußboden) Wasserdampf aufzunehmen und wieder abzugeben. Nur atmungsaktive Baustoffe bzw. Bauteile könnten dazu einen Beitrag leisten.

Tatsächlich nehmen bei hoher Luftfeuchtigkeit die oberflächennahen Schichten der Hüllflächenbauteile Wasserdampf auf und lagern diesen in Form von winzig kleinen Tröpfchen in der Struktur ab (Sorption/Hygroskopizität). Sinkt die Luftfeuchtigkeit im Raum, z.B. durch einen Lüftungsvorgang, wird eingelagerte Feuchtigkeit wieder an die Raumluft zurück gegeben. Dieser Vorgang beruht auf einem Konzentrationsausgleich, benötigt aber keinen äußeren Antriebsmechanismus, wie bsw. den Druckunterschied durch Wind. Er vollzieht sich nur in den ersten 10 bis 15 mm der Wand, also in der Regel bis in die Tiefe der Putzschichten. Gips- und Lehmputze zeigen dieses Verhalten ebenso wie Kalkputze, jedoch ist darauf zu achten, dass raumseitig keine diffusionsdichten Schichten aufgebracht werden. Auch andere Materialien im Raum, wie z.B. nicht versiegeltes Holz, sind an dem beschriebenen Prozess beteiligt, der durch die verbundene Vergleichmäßigung der Raum-Luftfeuchtigkeit einen Beitrag zur Behaglichkeit leisten kann. Mit einer im Wortsinn „atmenden Wand“ hat dies aber alles nichts zu tun.

Übrigens: Wenn der Tiefenbereich, in dem sich die Feuchteregulierung abspielt, auf die ersten 15 mm beschränkt ist, kann die nachfolgende Schicht sogar dampfdicht sein, ohne dass Bauschäden zu erwarten sind. Das ist der Grund, warum geputzte Beton- oder Natursteinwände funktionieren und nachweislich kein schlechtes Raumklima verursachen. Dagegen ist es nicht ratsam, z.B. Badwände raumhoch zu fliesen oder andere Wände mit kunststoffbeschichteten Tapeten zu bekleben, da hierdurch die feuchteregulierende Funktion der obersten Putzschicht verloren geht.

Mein Fazit: Eine Wandatmung im wörtlichen Sinne gibt es nicht, wohl aber die Fähigkeit einiger Baustoffe zur Feuchteregulation. Diese Eigenschaft vergleichmäßigt kurzfristig die Raum-Luftfeuchtigkeit, kann sie aber langfristig weder verringern noch erhöhen. Ohne direkten und ausreichenden Luftwechsel (Lüftung!) ist eine Reduzierung der nutzungsbedingten Feuchtigkeitsmenge nicht möglich….weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar