Schimmel im Wohnraum

Schimmel im Wohnraum ist unschön und macht krank. Der Beitrag zeigt, wie er entsteht, und beschreibt Indikatoren, die ein Schimmelproblem anzeigen.

aspergillus niger unter dem Mikroskop
aspergillus niger unter dem Mikroskop

#Ein Schimmel kommt selten allein

Den Begriff Schimmel gibt es bereits seit einigen hundert Jahren in der deutschen Sprache. Bezeichnet wurde damit eine meist dunkle Fleckenbildung auf unterschiedlichen Materialien. Schon von Anfang an war klar, dass die Vorgänge, die zur Fleckenbildung führten, offenbar mit Feuchtigkeit zu tun haben. Allerdings dauerte es noch eine ganze Weile, bis die technischen Voraussetzungen es zuließen, die „Stockflecken“ genauer zu untersuchen. Unter dem Mikroskop zeigte sich dann eine wundersame Landschaft aus filigranen Strukturen, wogenden Fäden und farbigen Kratern, die von einer Anmutung sind, als wären wir auf einem Tauchgang im Korallengürtel einer karibischen Insel. Die großen Ähnlichkeiten mit dem Erscheinungsbild von Pilzmyzel schuf einen neuen Begriff: aus Schimmel wurde Schimmelpilz.

Schimmelpilz, Bild von hansiline auf Pixabay

Inzwischen wissen wir, dass auch diese Einteilung nicht ganz korrekt ist, denn auf den so genannten „Stockflecken“ finden wir neben den Schimmelpilzen eine bunte Mischung aus Bakterien, Milben und Amöben. Den mengenmäßig größten Anteil haben aber meist die Schimmelpilze.

#Die Zunahme des Problems

Seit Mitte der 70er Jahre nahmen Schadensfälle mit Schimmel im Wohnraum in den alten Bundesländern und kurz nach 1989 in den östlichen Bundesländern zu. Mit dem in dieser Zeit zu beobachtenden starken Anstieg der Energiepreise und den Bemühungen, die Energiebilanz der Wohnungen durch bauliche Maßnahmen zu verbessern, beschleunigte sich diese Entwicklung. Heute sehen wir eine nochmals gesteigerte Nachfrage nach Lösungen für eigene Schimmelprobleme. Wie Untersuchungen zeigen, sollen heute ca. 25 % aller Wohnungen davon betroffen zu sein. Der Leidensdruck der Mieter und Eigentümer hat ein erhebliches Ausmaß angenommen, was ich bei meinen Untersuchungen im Rahmen der Energieberatung bestätigt hat.

#Wie kann man der unangenehmen Sache begegnen?

Schimmelbefall auf der Fensterlaibung

Vor allem mit Sachverstand. Doch leider setzen auch Bau-Fachleute oftmals eine ratlose Miene auf, wenn sie zu den Ursachen befragt werden. Meist sind die Antworten wenig differenziert, und gelegentlich komplett falsch. So meinen viele, allzu üppige Energiesparmaßnahmen seien Schuld am Schimmel im Wohnraum. Wärmedämmung lässt das Haus schließlich „nicht mehr atmen“. Andere machen moderne Fenster und Türen verantwortlich, die einfach "zu dicht" seien. Vermieter sind mit dem Hinweis schnell dabei, dass von den Mietern zu wenig geheizt würde.

Nun, es ist wie immer. An fast allem ist was dran, aber keine der aufgeführten Ursachen trifft vollständig ins Schwarze. Dazu ist die ganze Sache zu komplex und viele „Ratschläge“ beißen sich mit den Erfahrungen der vor Ort gehenden Handwerker und Berater. Tatsache ist, Schimmel gab es schon immer. Aber die Massenhaftigkeit des Auftretens heute ist tatsächlich ein neues Phänomen.

#Schimmelsporen sind immer und überall vorhanden.

Schimmel im Wohnraum vermehrt sich über Sporen. Etwa 100.000 Schimmelpilzarten soll es geben. Sporen von etwa 300 Arten sind in jedem Wohnraum, zwar in geringen Mengen, nachweisbar. Ihnen kann man sich also trotz umfangreicher Hygienemaßnahmen nicht entziehen. Und mit diesen Sporen fängt alles an. Irgendwo landet eine solche Spore, trifft auf eine günstige Nahrungsgrundlage und ein wenig Feuchtigkeit. Das Auskeimen kann beginnen. Trotzdem: Der Mensch hat sich an das natürliche Vorkommen von Schimmelpilzen und deren Sporen gut angepasst. Wenn es aber zu einem massenhaften Auftreten bestimmter Arten kommt, können nach heutigem Wissensstand Allergien, Bronchialerkrankungen und andere gesundheitliche Probleme entstehen.

Schimmelanzucht in der Petrischale

#Eskalierender Schimmelkrieg

Nahaufnahme Schimmelbefall Außenwandecke über Keller (Schlafraum)
Nahaufnahme Schimmelbefall Außenwandecke über Keller (Schlafraum)

Schimmel im Wohnraum an Wänden, Möbeln, Textilien sind nicht nur unangenehm, sondern auch gesundheitlich bedenklich. Mieter und Eigentümer probieren – häufig erfolglos – das eine oder andere Mittelchen. Zwischen den dann über die Ursachen häufig streitenden Parteien kommt es nicht selten zu einem wenig hilfreichen, aber an Schuldzuweisungen reichen Nervenkrieg. Und im Schadensfall stehen die Betroffenen oft nicht als Gewinner da.

Auch Gutachten und die darauf beruhende Rechtsprechung zeigen einen widersprüchlichen Wissensstand. Anders sind mitunter völlig entgegengesetzte Entscheidungen nicht erklärbar. Dabei scheint die Erklärung des Phänomens so kompliziert eigentlich nicht. Bezüglich der Streitenden drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass es neben fehlendem Wissen vor allem die mangelnde Bereitschaft ist, gewohnte Verhaltensweisen zu überdenken und ggf. zu ändern. Als Haupthindernis dafür kann die geringe Kenntnis der Zusammenhänge angesehen werden.

#Faktoren des Auftretens – Wachstumsvoraussetzungen

Schimmelbefall und Tauwasser auf einem Holzfenster

Der Hauptfaktor des Schimmelwachstums ist immer Feuchtigkeit – und dabei überwiegend eine zu hohe Feuchtigkeit in der Raumluft. Natürlich verursachen auch durchfeuchtete Baustoffe oder Bauelemente das eine oder andere Schimmelproblem. Doch nach meinen Erfahrungen ist es vor allem eine zu hohe Raumluftfeuchtigkeit, die viele Schimmelschäden verursacht. Während Werte bis 50% relativer Feuchte im Allgemeinen keine Probleme verursachen, werden Luftfeuchtigkeiten jenseits der 60% fast immer zu einem mehr oder weniger ausgeprägten Schadensbild führen. So kommt es bei niedrigen Oberflächentemperaturen, wie sie bei geringer Wärmedämmung von Außenwänden, Fußböden und Decken typisch sind, zu einem raschen Wachstum von Pilzgeflechten auf einem nährenden Substrat. Dabei produzieren einige Arten giftige Stoffwechselprodukte, bilden immer neue Sporen und breiten sich rasch weiter aus. Nicht immer ist dies sichtbar.

Achtung: Schimmel wächst auf zahlreichen Nährböden. Neben einer gewissen Feuchtigkeit ist die zweite wichtige Grundvoraussetzung für das Schimmelpilzwachstum ein günstiger Nährboden. Dazu bedarf es einer kohlenstoffhaltigen, organischen Substanz. Besonders häufig finden wir Pilzgeflechte daher auf Oberflächen mit einem hohen Anteil an Zuckereiweiß und Holzbestandteilen. Dazu gehören u.a. Raufasertapeten. Aber auch Dispersions-, Latex-, Acryl- und geleimte Wandfarben besitzen diese Substanzen und sind daher stark schimmelpilzgefährdet.

Schimmelpilze

  • sind Mikroorganismen, die von toter organischer Substanz leben;
  • besitzen kein Chlorophyll (keine Photosynthese, brauchen kein Licht)
  • verändern und zersetzen die befallenen Flächen durch Ausscheidung von Enzymen;
  • benötigen dafür H2O aus der Luft, aber kein stauende Nässe
  • vermehren sich durch Sporenbildung (besonders in den Sommermonaten);
  • bilden bei ihrem Wachstum teils giftige Stoffwechselprodukte (Pilzgifte Aflatoxine, Mycotoxine).

#Die dominierende Rolle der Luftfeuchtigkeit

Schimmelpilzkurve, Quelle Energieagentur NRW

Für das Wachstum von Wohnraumschimmel ist eine messbare Durchfeuchtung des Putzes oder der Tapete nicht erforderlich. Wie die Schimmelpilzkurve (rote Linie) zeigt, beginnen die meisten Schimmelpilzarten bereits bei einer Luftfeuchtigkeit unmittelbar über dem Substrat von 80% zu wachsen. Flüssiges Wasser ist also nicht erforderlich, und genau das wird oftmals übersehen. Hinzu kommt: Eine 80%ige Feuchtesituation haben wir schon bei einer Raumluftfeuchtigkeit von 60% und 21° C Raumlufttemperatur. Denn durch Abkühlung der Raumluft unmittelbar über kalten Oberflächen, wie z.B. Außenwänden oder in der Fensterlaibung, steigt hier die relative Luftfeuchtigkeit auf Werte über 80% an.

#Welche Indikatoren zeigen eine mögliche Schimmelbildung an?

Strukturformel Aflatoxin
Strukturformel Aflatoxin

Wir kennen zahlreiche Hinweise auf (wahrscheinlich) verdeckten Schimmelpilzbefall, die ein Eingreifen notwendig machen.

Kommt man z.B. als Außenstehender in eine Wohnung mit „lebendem Schimmel“, so fallen spezifische Gerüche als erstes auf. Ist man Brillenträger, beschlägt noch dazu die Brille, wenn die Außenluft recht kalt war. Doch der merkwürdige Geruch, der zu jeder Jahreszeit auftritt, erinnert an verrottende Biomasse, an keimende Kartoffeln, an dunkle, feuchte Kellerräume. Die Ursache dafür sind flüchtige organische Substanzen VOC (volatile organic compounds), z. B. Alkohole und Ketone, die beim Schimmelwachstum gebildet werden. Nicht ganz klar ist, ob daran auch bestimmte Bakterienkolonien schuld sind, die ähnliche Lebensbedingungen haben und gleichzeitig mit dem Schimmel auftreten.

#Auf die Betauung achten

Betauung der Fensterscheibe von außen nach dem Öffnen
Betauung der Fensterscheibe von außen nach dem Öffnen

Bei Brillen und anderen transparenten Flächen kommt es zur Betauung, sofern diese Flächen vor dem Betreten der Wohnung kalter Außenluft ausgesetzt waren. Der gleich Vorgang spielt sich übrigens ab, wenn eine Flasche aus dem Kühlschrank entnommen wird. Wenn ich in eine solche Wohnung gerufen werde, beschlagen bei winterlichen Außentemperaturen die Objektive der Kameras und Messwerke anderer Messinstrumente, so dass ich abwarten muss, bis diese Geräte sich auf Raumtemperatur erwärmt haben. In der Regel berichten Bewohner solcher Wohnungen auch über meist starke Kondensatbildung auf der Innenseite im unteren Drittel der Fenster („Unsere Fenster schwitzen“) und über das intensive Beschlagen der Scheiben von außen, wenn die Fenster bei kalter Witterung einmal weit geöffnet werden.

#Gesundheitliche Beeinträchtigungen

Abklatschprobe zur labormäßigen Schimmelbestimmung
Abklatschprobe zur labormäßigen Schimmelbestimmung

Neben der Allgemeinhygiene ist es die von Schimmelpilzen im Wohnraum ausgehende gesundheitliche Gefahr, die seine Bekämpfung erfordert. Bei einigen Arten ist ein Zusammenhang mit Erkrankungen der Atemwege (Asthma) und dem Auslösen von Allergien bekannt. Einige Schimmelpilz-Arten besiedeln den Menschen direkt (Atemwege, Lunge, Innenohr, Außenohr, Nasennebenhöhlen). Neben den Sporen selbst werden giftige Stoffwechselprodukte, z.B. die sogenannten Aflatoxine oder Mycotoxine, dafür verantwortlich gemacht. Bei ihnen wird auch eine krebserregende Wirkung vermutet.

Toxische Reaktionen werden auch durch leichtflüchtige Substanzen (VOC) in der Raumluft verursacht, die vom wachsenden Schimmel und/oder den mitbeteiligten Bakterien abgegeben werden. Die Folge davon können Kopfschmerzen, Reizungen der Schleimhaut, Abgespanntheit und Konzentrationsstörungen sein. Allerdings sind die Erkenntnisse über die Zusammenhänge noch recht dünn und nur wenig ins allgemeine Bewusstsein vorgerückt. Auch Ärzte suchen meiner Meinung nach zu selten nach den Beziehungen zwischen einer Erkrankung und einer Belastung durch Schimmel im Wohnraum.

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