Gesundheit: Macht Heizungsluft krank?

Kann Heizungsluft krank machen? Wie funktioniert die Nase – und hängen trockene Schleimhäute wirklich von der Luftfeuchtigkeit ab?

Ein Plattenheizkörper mit Thermostatventil erwärmt die Wohnraumluft
Ein Plattenheizkörper mit Thermostatventil erwärmt die Wohnraumluft

Unzählige Artikel im Web behaupten dasselbe: Heizungsluft ist zu trocken. Sie trocknet die Schleimhäute aus. Viren überleben länger. Die Ansteckungsgefahr steigt. Die Angst vor „böser, trockener Heizungsluft" wird gezielt geschürt.

Aber was steckt wirklich dahinter? Um das herauszufinden, habe ich medizinische Fachliteratur gesichtet.

#So befeuchtet die Nase die Atemluft

Atmungsorgan des Menschen (Bild von OpenClipart-Vectors auf pixabay.com)

Fakt ist: Wir müssen atmen. Unsere Atemluft besteht zu etwa 21 % aus Sauerstoff und 78 % aus Stickstoff. Das restliche Prozent teilen sich Edelgase, Kohlendioxid und Spuren anderer Gase – darunter Wasserdampf. Mengenmäßig klein, aber wichtig.

Normalerweise atmen wir durch die Nase. Die Nasenschleimhaut ist gut durchblutet. Sie erwärmt die kühlere Atemluft und befeuchtet sie mit körpereigener Flüssigkeit. Nasenhaare fangen grobe Partikel ab. Flimmerzellen und ihr Sekret filtern kleinere Fremdkörper heraus. Bis zur Lunge steigt die Temperatur der Atemluft auf etwa 34 °C. Erst dann funktioniert die Atmung richtig.

Das Nasensekret transportiert eingeatmete Teilchen – Staub, Pollen, winzige Insekten – kontinuierlich Richtung Rachen. Beim Schnäuzen sehen Sie manchmal, wie viel die Nase gefiltert hat. Atmen Sie durch den Mund – etwa beim Joggen –, fehlt dieser Schutz. Filterung, Erwärmung und Befeuchtung funktionieren dann nicht mehr zuverlässig.

Interessant ist auch der umgekehrte Vorgang: Beim Ausatmen kondensiert ein Teil der Feuchtigkeit an der abgekühlten Nasenschleimhaut. Die Schleimhaut befeuchtet sich dadurch wieder selbst.

#Widersprüchliche Empfehlungen zur Luftfeuchtigkeit

Die Empfehlungen zur idealen Luftfeuchtigkeit widersprechen sich. Der Wohlfühlbereich wird je nach Quelle unterschiedlich angegeben:

  • DIN-Norm für Lüftungsanlagen: 30 % bis 70 % relative Luftfeuchte
  • DIN EN 16798-1, Anforderungsklasse II (normaler Standard): 25 % bis 60 % – außerhalb dieser Grenzen ist Befeuchten oder Entfeuchten ratsam
  • DIN EN 16798-1, Kategorie I (hoher Standard, auch für empfindliche Personen wie Kranke, Kleinkinder oder ältere Menschen): 30 % bis 50 %
  • HafenCity Universität Hamburg, Dokumentation zur Thermischen Behaglichkeit (Dentel/Dietrich): 30 % bis 65 %
Hygrometer mit einem empfohlenen Bereich von 40 bis 70%
Hygrometer mit einem empfohlenen Bereich von 40 bis 70 %

Auch Hygrometer verschiedener Hersteller zeigen unterschiedliche Wohlfühlbereiche – häufig 40 % bis 60 %, teils bis 30 % bzw. 70 %.

Eine einheitliche Empfehlung gibt es also nicht. Ein oberer Grenzwert von 70 % ist nach meinen Erfahrungen mit Wohnraummessungen jedoch viel zu hoch – das Risiko von Feuchteschäden und Schimmelbildung ist zu groß.

Ausführlich in energytools.de: "Hilfreiche Hygrometer"

Unabhängig davon gilt: Für das menschliche Atemsystem ist Einatemluft offenbar immer zu trocken. Die Nase muss sie aufbereiten. Deshalb befeuchtet die Nasenschleimhaut die Einatemluft stets bis nahezu zur Sättigungsgrenze.

#Beispielrechnung

Das lässt sich mit einer vereinfachten Beispielrechnung anschaulich zeigen:

Angenommen, die Raumluft hat 20 °C und 60 % relative Luftfeuchtigkeit. Ein Kubikmeter Luft enthält dann 10,4 g Wasserdampf (siehe Tabelle "absolute und relative Luftfeuchtigkeit").

Beim Einatmen erwärmt sich die Luft auf etwa 34 °C. Ohne zusätzliche Befeuchtung durch die Schleimhäute würde sie mit nur etwa 20 % relativer Feuchte in die Lunge strömen. Das würde tatsächlich zur Austrocknung führen – Schleimpfropfen könnten entstehen.

Strömt die Luft dagegen – wie von der Natur vorgesehen – nahezu gesättigt ein, muss sie etwa 35 g Wasser pro Kubikmeter enthalten. Das ist ohne die Befeuchtung durch die Nasenschleimhaut gar nicht möglich.

Die Rechnung zeigt: Die Nasenschleimhaut fügt der Einatemluft rund 24 g/m³ Feuchtigkeit hinzu. Ob die Raumluft dabei 5 g trockener (etwa 40 % relative Feuchte) oder 5 g feuchter (etwa 85 %) ist, spielt für das Befeuchtungsziel von nahezu 100 % kaum eine Rolle. Anders gesagt:

Die verbreitete Vorstellung, trockene Heizungsluft müsse befeuchtet werden, damit die Schleimhäute funktionieren, ist wahrscheinlich falsch. Die Schleimhäute kommen auch ohne angepasste Luftfeuchtigkeit gut zurecht.

Darauf weist indirekt auch eine vielbeachtete Literaturstudie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung hin:

Auch die landläufige Vorstellung, dass durch zu trockene Luft die Schleimhäute austrocknen und sich infolgedessen Krankheitserreger leichter ansiedeln können, ist umstritten. So zeigten Laboruntersuchungen keine Veränderung der Schleimviskosität in Abhängigkeit von der relativen Luftfeuchtigkeit (N. von Hahn, Trockene Luft und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit) – Ergebnisse einer Literaturstudie

Rippenheizkörper aus Stahlguß im Heizungssystem mit hohen Heizwassertemparaturen
Rippenheizkörper aus Stahlguss im Heizungssystem mit hohen Heizwassertemperaturen

Hat die Luftfeuchtigkeit keinen nennenswerten Einfluss auf die Schleimviskosität, gibt es auch keinen erkennbaren Grund, die Atemluft zusätzlich zu befeuchten.

Warum behaupten dann fast alle Webseiten, Heizungsluft sei zu trocken? Ich vermute: Nur wenige Autoren haben sich ernsthaft damit auseinandergesetzt. Auffällig ist, dass viele Texte sich bis aufs Wort gleichen. Einer schreibt vom anderen ab. Das Thema trifft offenbar einen Nerv.

#Mehr lungengängige Staubpartikel in trockener Luft

Unstrittig ist: Bei relativer Luftfeuchte unter 30 % werden Staubbildung und Staubverwirbelung begünstigt (siehe auch: Trockenheit der Luft vom Staubgehalt abhängig). Mit zunehmender Trockenheit werden Staubpartikel kleiner und leichter. Sie schweben problemlos in der Luft. Die Nase filtert sie nicht mehr zuverlässig heraus. Sie atmen dann vermehrt winzige Staubpartikel, Hautschuppen, Milbenkot und Sporen ein. Das reizt die Atemwege – und die Partikel gelangen tief in die Lunge.

Im Winter treibt vor allem die Heizung diese Staubumwälzung an. Besonders intensiv ist sie bei Heizkörpern mit hoher Betriebstemperatur – typisch für ältere Häuser mit schwacher Wärmedämmung. Bei feuchteren Bedingungen und ruhigerer Luft, wie bei Flächenheizungen mit niedriger Oberflächentemperatur, klumpen die Partikel zusammen. Sie sinken schneller zu Boden und bilden „Wollmäuse". Die Atemluft bleibt sauberer.

Ausführlich in energytools.de: Was ist Heizungsluft

#Mehr Erkältungen bei trockener Luft

Nachgewiesen ist offenbar: Bei relativer Luftfeuchte unter 40 % steigt die Ansteckungsrate für Erkältungskrankheiten. Einige Quellen erklären das so: Beim Husten oder Niesen schleudern Sie Tröpfchen in die Luft. In trockener Luft verdunsten sie schnell, werden kleiner und bleiben länger in der Schwebe. In feuchter Luft fallen größere Tröpfchen rasch zu Boden. Das gilt auch für Bakterien: An ihnen kondensieren Wasserdampfmoleküle, sie werden schwerer und sinken ab.

#Hohe Luftfeuchtigkeit schadet Viren

Andere Quellen verweisen auf eine amerikanische Studie („Grippeviren lieben trockene Luft", 2013, https://link.springer.com/article/10.1007/s15006-013-0190-z). Ergebnis: „Eine hohe relative Luftfeuchte macht Influenzaviren den Garaus. Mit zunehmender Luftfeuchte verlieren die Erreger ihre Infektiosität." Die Wissenschaftler empfehlen, eine Luftfeuchtigkeit von mindestens 40 % einzuhalten.

Eine dauerhaft zu hohe Luftfeuchtigkeit über 55 % hat zumindest indirekten Einfluss auf bestimmte Erkrankungen. Sie begünstigt das Milbenwachstum und erhöht das Risiko von Feuchteschäden und Schimmelbildung.

#Erhöhtes Schnupfenrisiko durch Schimmel

Schimmelbildung im Laibungsbereich, Oberflächentemperatur 11,8 °C bei Außentemperatur von etwa -5°C.
Schimmelbildung im Laibungsbereich, Oberflächentemperatur 11,8 °C bei Außentemperatur von etwa -5 °C.

Auf der Webseite www.aerztezeitung.de verweist Thomas Müller auf eine finnische Studie (Müller, Bei Schimmel kommt schnell der Schnupfen, 2013). Ergebnis: Bei erhöhter Raumluftfeuchtigkeit mit Schimmelbildung steigt das Schnupfenrisiko um ein Mehrfaches. Konkrete Grenzwerte für die kritische Luftfeuchtigkeit nennt die Studie leider nicht. Ob Schnupfen direkt durch erhöhte Luftfeuchte mit Schimmelbildung entsteht, hat die Studie nicht nachgewiesen. Möglich ist auch, dass das Milieu, in dem Schimmelpilze gedeihen, weitere Erreger hervorbringt.

#Erhöhtes Asthmarisiko durch Schimmelpilze

Das Allergo Journal – eine interdisziplinäre Zeitschrift für Allergologie und Umweltmedizin – berichtet über eine Übersichtsarbeit von Dr. Barbara Kreuzkamp (Allergo 24/2015). Sie fasst den Wissensstand zu Innenraumklima, Schimmelpilzkonzentration und klinischer Symptomatik zusammen.

Ihr Fazit: „Fest steht, dass die Anwesenheit höherer Konzentrationen von Schimmelpilzen aus den Gattungen Penicillium, Aspergillus und Cladosporium in Wohnräumen mit der Entwicklung von Asthma und Asthmaexazerbationen assoziiert ist. Inwieweit noch andere Schimmelpilzspezies und bisher unbekannte Kofaktoren eine Rolle spielen, ist noch offen."

Die genannten Schimmelpilzarten treten nach meinen Erfahrungen in den meisten schimmelgeschädigten Wohnungen auf. Ihre Wachstumsbedingungen verbessern sich mit steigender Temperatur und steigender Raumluftfeuchte. In Wohnungen mit schwacher Wärmedämmung und Wärmebrücken reicht es zum Schimmelwachstum aus, wenn im Winter dauerhaft Luftfeuchtigkeitswerte über 55 % herrschen.

#Mein Fazit

  • Zu trockene oder zu feuchte Raumluft im Winterhalbjahr beeinträchtigt die Atemluftqualität in Ihrer Wohnung. Ohne Kenntnis des tatsächlichen Wertes der relativen Luftfeuchte sind Maßnahmen nicht zielführend.
  • Eine dauerhafte Abweichung vom Normalbereich begünstigt wahrscheinlich die Entstehung von Krankheiten. Daher müssen Hygrometer angeschafft werden.
  • Aus den bekannten Wachstumsbedingungen für Schimmelpilze schlussfolgere ich: Eine dauerhafte Raumluftfeuchte über 55 % bei etwa 20 °C Raumtemperatur ist riskant, weil sich Feuchteschäden und Schimmel entwickeln können.
  • Aus gesundheitlicher Sicht sollten Sie im Winterhalbjahr eine relative Luftfeuchte zwischen 35 % und 55 % anstreben. Nach meinen Erfahrungen und ausgewerteten Messreihen aus realen Wohnverhältnissen minimiert das die Risiken: ungesunde Bedingungen, Unbehaglichkeit und Schimmelwachstum.

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Frank Nowotka von Dipl.-Ing. Frank Nowotka,

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