energytools.de bauen-heizen-lüften   ›   Raumklima und frische Luft   ›   Luftqualität, Luftwechselrate   ›   Böse trockene Heizungsluft   ›   Mehr Luftqualität durch atmende Wand?

Weniger Schadstoffe, mehr Luftqualität durch die atmende Wand?

Gibt es eine Wandatmung? Reinigt sie die Luft von Wasserdampf und Luftschadstoffen? Hygienische Luftwechsel und atmungsaktive Bauteile

#Die atmende Wand - was steckt dahinter?

Wandabschnitt aus hart gebrannten Ziegelsteinen (Bild von Karsten Paulick auf pixabay
Wandabschnitt aus hart gebrannten Ziegelsteinen (Bild von Karsten Paulick auf pixabay)

Die Vorstellung, dass Außenwände eines Wohnraumes atmen, also Bauteile Luft passieren lassen und sich so die Luftfeuchtigkeit verändert, Schadstoffe abgeführt und Schimmel vorgebeugt wird, ist weit verbreitet. Aber was steckt genau dahinter?

Die These: Gesunde Raumluft hängt maßgeblich von der Luft- und Feuchtedurchlässigkeit der Bauteile, also den Materialien der baulichen Hülle ab. So regulieren z. B. Lehm- oder Ziegelwände die Raumluftfeuchte, schlucken Schadstoffe und erfrischen die Luft.

Zahlreiche Bauleute, mehr noch aber viele Bauherrinnen und Bauherren, lehnen mit dieser Argumentation die in neueren Bauordnungen vorgeschriebene luftdichte Gebäudehülle ab. Sie sind der Auffassung, dass unsere Gebäude angesichts mancher Bauschäden und zunehmender Allergien schon viel zu „dicht" seien. Insbesondere der „Dämmwahn" führe dazu, dass das Haus kaum noch „atmen" kann. Baubiologen reagieren verschnupft, wenn Planer und Bauherren luftdichte Gebäude verlangen. Sie behaupten, dass dadurch eine krankmachende Wohnatmosphäre entstehen kann, die alles andere als behaglich ist.

Bauteile oder Baustoffe, sagen Baustoffvertreter, sollen atmungsaktiv sein, um neben Wasserdampf auch verschiedene Luftschadstoffe abführen zu können. Sie bedienen damit den Glauben an gesunde oder krankmachende Baustoffe. Auch die Fähigkeit zur Feuchteregulierung im Wohnraum wird mit der sogenannten Wandatmung in Verbindung gebracht.

#Was hat es tatsächlich mit der Atmungsaktivität von Baustoffen auf sich?

Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, stellt rasch fest, dass unter dieser Überschrift viele ganz unterschiedliche Vorgänge und Prozesse verstanden werden. Zunächst wäre da der Atmungsvorgang im wörtlichen Sinne, bei dem also Luft ein- und wieder ausgeatmet wird. So würde Atmungsaktivität den Austausch von Luft durch Gebäudeteile bedeuten. Demnach kommt es zum Zustrom frischer, sauerstoffreicher Luft durch Bauteile von außen nach innen und zur Abfuhr von verbrauchter Raumluft nach außen.

Diese Vorstellung ist vermutlich auf den umtriebigen deutschen Chemiker und Arzt namens Pettenkofer zurückzuführen, der am Ende des 19. Jahrhunderts Überlegungen und Versuche zur hygienischen Qualität der Atemluft angestellt hat. So lesen wir bei Wikipedia:

„Er [Pettenkofer] stellte bei frühen Luftwechsel-Messungen in einem Zimmer fest, dass sich nach dem vermeintlichen Abdichten sämtlicher Fugen die Luftwechselrate weniger als erwartet verminderte. Daraus schlussfolgerte er einen erheblichen Luftaustausch durch die Ziegelwände hindurch. Vermutlich kam er nicht darauf, den Kamin eines im Raum befindlichen Ofens abzudichten. Luftaustausch durch die Zimmerwände hindurch sei, so Pettenkofer, ein wesentlicher Beitrag zur Reinigung der Raumluft."

Diese Vorstellung stellte sich als falsch heraus.

Wir können heute messtechnisch nachweisen, dass ein Lufttransport sowohl durch alte als auch neuere Baustoffe einer Außenwand oder andere Bauteile (Ziegel, Lehm, Holz, Fertighaus etc.) nur in sehr geringem Maße erfolgt. Der gemessene Luftaustausch beträgt nur etwa ein Hundertstel der Luftmenge, die für die Aufrechterhaltung hygienischer Luftqualität erforderlich wäre. Wer sich also auf die Wandatmung verlässt, konsumiert daher abgestandene, oftmals ungesunde Raumluft.

Ein Fortschritt im Hausbau stellte der innere und äußere Verputz dar. Mit dessen Hilfe wurden äußere Hauswände regen- und winddicht gemacht. Zuvor gab es unangenehme Zugerscheinungen, z. B. in Fachwerkhäusern. Der Brennstoffbedarf war ohne Verputz deutlich höher. Ein Luftwechsel fand je nach Wetter und Wind zufällig statt und war wenig bedarfsorientiert.

#Atmungsaktiv = diffusionsfähig?

Atmungsaktiv soll es in unserem Leben auch zugehen, wenn z. B. über geeignete Schuhe oder die neueste Wetterjacke entschieden werden soll. Ich fürchte, auch hier werden den Dingen Eigenschaften zugesprochen, die sie im Wortsinn gar nicht haben können. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit von äußeren Grenzschichten der Kleidung, Wasserdampfmoleküle, die z. B. durchs Schwitzen entstehen, passieren zu lassen – der Wasserdampf diffundiert durch das Jackenmaterial. Wassertropfen eines Regengusses sollen es nach innen jedoch nicht schaffen – wasserdicht.

Das funktioniert bei Schuhen und Jacken einigermaßen gut. Können wir uns auf diesen Vorgang auch verlassen, wenn es um den Feuchtegehalt unserer Wohnraumluft geht? Können die Hüllflächen, also Außenwände, Decken, Fußböden usw., so viel Wasserdampf nach außen diffundieren lassen, dass damit ein nennenswerter Beitrag zur Trocknung der Raumluft und zur Abfuhr von Schadstoffen geleistet wird?

Wasserbilanz
In einem 3-Personen-Haushalt werden täglich etwa 5 bis 8 Liter Wasser „freigelassen", also als Wasserdampf an die Raumluft abgegeben. Am nächsten Tag erneut, usw. usf. ... Eine solch gewaltige Menge kann nicht einfach „weg"geatmet werden. Es muss also einen oder mehrere Vorgänge geben, die die zugeführte Wasserdampfmenge wirksam reduzieren, sonst würde das „Fass" rasch zum Überlaufen gebracht.

ausführlich in energytools.de: Ein Eimer voll Wasser täglich

Tatsächlich „wandern" Wasserdampfmoleküle von Bereichen mit hoher Konzentration in Bereiche niedrigerer Konzentration ab. Dieser, Wasserdampfdiffusion genannte Vorgang vollzieht sich in Gebäuden im Winter vom Innenraum nach außen und ist in allen Außenwandkonstruktionen nachgewiesen. Mit Hilfe einer in technischen Regeln (DIN 4108) beschriebenen Methode kann der Wasserdampftransport mengenmäßig berechnet werden. Auch die Taupunkttemperatur und der Bereich, wo Wassertröpfchen entstehen, kann bestimmt werden.

ausführlich in energytools.de: Wasserdampfdiffusion

Allerdings zeigt sich, dass die errechnete wegdiffundierende Wassermenge keineswegs an das Wasservolumen heranreicht, das durch die innere Feuchteproduktion tagtäglich aufs Neue den Räumen zugeführt wird. Man muss sogar feststellen, dass die Wasserdampfdiffusion für die Einhaltung einer akzeptablen Raum-Luftfeuchtigkeit geradezu belanglos ist.

Die durch Diffusion abgeführte Feuchtemenge beträgt weniger als ein Prozent des für hygienische Verhältnisse erforderlichen Abtransportes von Wasserdampf. Das gilt für alle Bauteile und Baustoffe, auch für äußerst diffusionsoffene Konstruktionen wie Lehmwände oder geputztes Ziegelmauerwerk.

#Hygienisches Wohnen bedeutet aktive Luftwechsel

Nach heutigem Wissensstand ist es der Luftaustausch durch Lüftung, der zu optimal feuchter, gesunderhaltender Atemluft führt. Es heißt daher auch in der entsprechenden DIN-Norm:

„Nutzungsbedingte Feuchte muss durch Lüftung abgeführt werden. Im Vergleich zur Lüftung ist ein Feuchtetransport durch die Außenwände infolge Diffusion völlig vernachlässigbar und trägt zur Feuchteabfuhr praktisch nicht bei ..."

Ich schlussfolgere daraus: Wenn ein Feuchtetransport durch die Außenwände so gut wie nicht stattfindet, dann spielt auch der stoffliche Aufbau der Wand für die Luftfeuchtigkeit und Schadstoffe der Innenraumluft keine entscheidende Rolle. Ob es also eine Außendämmung oder eine Innendämmung auf der Wand gibt und ob diese aus Schaumkunststoffen, Holzfasern oder mineralischen Baustoffen besteht, ist unerheblich.

Der Abbau überschüssiger Feuchte, die Reduzierung des CO2-Anteils der Raumluft, die Abfuhr von Luftschadstoffen und die Nachführung frischer Atemluft erfolgt nahezu ausschließlich durch die Lüftung über Fenster und Türen, durch Undichtheiten und Schornsteine, den Briefschlitz und Schlüssellöcher oder eine Lüftungsanlage, nicht aber durch Wandatmung.

#Die Zwischenspeicherung von Wasserdampf

Tatsächlich nehmen bei hoher Luftfeuchtigkeit die oberflächennahen Schichten der Hüllflächenbauteile Wasserdampf auf und lagern diesen in Form von winzig kleinen Tröpfchen in der Struktur der Baustoffe ab (Sorption/Hygroskopizität). Sinkt die Luftfeuchtigkeit im Raum, z. B. durch einen Lüftungsvorgang, wird diese eingelagerte Feuchtigkeit wieder an die Raumluft zurückgegeben. Dieser Vorgang beruht auf einem Konzentrationsausgleich und benötigt kein Transportmittel wie die Raumluft und keinen äußeren Antriebsmechanismus wie den Druckunterschied durch Wind. Er vollzieht sich nur in den ersten 10 bis 15 mm der Wand, also in der Regel bis in die Tiefe der Putzschichten oder einer Gipskartonplatte. Gips- und Lehmputze zeigen dieses Verhalten ebenso wie Kalkputze. Es ist jedoch darauf zu achten, dass raumseitig innen keine diffusionsdichten Schichten (z. B. Lackfarben, Fliesen, Gläser) aufgebracht werden. Auch andere Materialien im Raum, wie z. B. nicht versiegeltes Holz, sind an dem beschriebenen Prozess beteiligt, der zu einer Vergleichmäßigung der Raum-Luftfeuchtigkeit führt. Mit einer im Wortsinn „atmenden Wand" hat dies aber alles nichts zu tun.

Übrigens: Wenn der Tiefenbereich, in dem sich die Feuchteregulierung abspielt, auf die ersten 15 mm beschränkt ist, kann die nachfolgende Schicht sogar dampfdicht sein, ohne dass Bauschäden zu erwarten sind. Das ist der Grund, warum geputzte Beton- oder Natursteinwände funktionieren und nachweislich kein schlechtes Raumklima verursachen. Dagegen ist es nicht ratsam, z. B. Badwände außer der Dusche raumhoch zu fliesen oder andere Wände mit kunststoffbeschichteten Tapeten zu bekleben, da hierdurch die wichtige feuchteregulierende Funktion der obersten Putzschicht verloren geht.

#Sonderfälle

Vorsicht ist allerdings geboten bei schwach gedämmten Bauteilen mit wasserdampfdichteren Außenschichten, z. B. bestimmten Farben. Selbst bei geringem Eintrag von Wasserdampf kann es durch die außen liegende dampfdichte Schicht (z. B. Ölfarbe) im Winter zu einer möglichen starken Anreicherung von Wasser kommen. Da das Wasser nicht rasch genug nach außen abgegeben werden kann, sind Dampfblasenbildung, Feuchtigkeitsschäden und Schimmelbildung mögliche Folgen.

#Mein Fazit:

  • Eine Wandatmung im wörtlichen Sinne gibt es nicht, wohl aber die Fähigkeit einiger Baustoffe zur Feuchteregulation. Diese Eigenschaft vergleichmäßigt kurzfristig die Raum-Luftfeuchtigkeit durch Einlagerung von Wasserdampf, kann sie aber mittelfristig weder verringern noch erhöhen.
  • Ohne direkten und ausreichenden Luftwechsel (Lüftung!) ist eine Reduzierung der nutzungsbedingten Feuchtigkeitsmenge nicht möglich.

... weiterlesen

| Seitenaufrufe: 420

| Autor: now

Kommentare

Bitte fassen Sie sich kurz, bleiben Sie sachlich und respektvoll. Kommentare, die Werbung, Links oder abfällige Äußerungen enthalten, werden gelöscht. Personenbezogene Daten, wie Namen, Email oder die IP-Adresse werden nicht gespeichert.

Noch keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen