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Früher war alles besser, auch die Lüftung!?

02.11.2019 | von: fegonnow54 | Kategorie: Fenster und Türen, Fensterlüftung | Druckansicht Druckansicht

Bei modernen Wohnbedingungen ist die früher gut funktionierende Selbstentlüftung ausgeschlossen. Sie muss durch maschinelles bzw. aktives Lüften ersetzt werden.

Früher war wohl nicht alles, aber der Luftaustausch, der oft als natürliche Lüftung bezeichnet wird, war wirklich besser. Wir konnten uns, zumindest im Winterhalbjahr, also wenn die Temperaturunterschiede groß waren, auf die Selbstentlüftung verlassen.

Älteres Fenster mit Einscheibenverglasung und geringer Luftdichtheit
Älteres Fenster mit Einscheibenverglasung und geringer Luftdichtheit

Der Grund: Luftdichtheit war vor 30 und mehr Jahren noch ein Fremdwort. Häufig gab es in allen Räumen Einzelöfen mit Schornsteinanschluss und entsprechenden Zug. Die Rahmen einglasiger Fenster und der Türen waren schmal, die Dichtungsfläche klein, Dichtungsgummis gab es keine. So hatte die Luft, abhängig von der Witterung (Temperatur, Wind, Luftdruck), der geografischen Lage der Wohnung (Windlasten), der Gebäudehöhe und Geometrie, sowie der Bauweise (luftdicht oder nicht) relativ leichtes Spiel durchs Haus zu fegen. Bei diesen Verhältnissen war ein fünf- bis zehnfacher Luftwechsel pro Stunde keine Seltenheit. Das war deutlich mehr Selbstentlüftung als notwendig. Und so pendelte sich der Brennstoffverbrauch bei erheblich höheren Werten ein, als bei technisch vergleichbaren Objekten, wie sie seit Anfang der 1980er Jahre (dem Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung) gebaut wurden.

Modernes, nahezu luftdichtes Fenster
Modernes, nahezu luftdichtes Fenster

Bei den heutigen Fenstern und Türen mit Zwei- und Dreifachverglasung, stärkeren Rahmen, mehr Dichtungsfläche, breiten Dichtungsgummis und luftdichten Einbau auf der einen und Zentralheizung, also beim Wegfall der Einzelöfen, auf der anderen Seite funktioniert die Selbstentlüftung dagegen nicht mehr. Der natürliche Luftwechsel vergangener Zeiten bricht auf Werte unter 0,1 pro stunde zusammen, so dass in zehn Stunden die Luft lediglich einmal ausgetauscht wird! Folge: Die Luftqualität ist deutlich schlechter. Die Luftfeuchtigkeit ist tendenziell höher.

Spielt der Schornstein beim Luftwechsel eine Rolle?

Ein Schornstein dient der ungefährlichen Abfuhr von Abgasen, die bei einer Verbrennung im Ofen entstehen. Dieses Abgas ist heiß (zwischen 100 und 250°C, je nach Brennstoff und Heiztechnik), so dass es im Schornstein infolge geringer Dichte von ganz allein nach oben steigt und den Schornstein verlässt. Das verursacht einen Sog, also einen Unterdruck im Ofen. Der Ofen zieht. Durch die Zuluftöffnungen am Ofen wird Luft für die Verbrennung aus dem Aufstellraum angesaugt. Dieser Vorgang verursacht nun einen Unterdruck im Aufstellraum des Ofen, der ausgeglichen werden muss. So kommt es zum Zustrom von Luft aus anderen Räumen, wobei der wiederum dort entstehende Unterdruck durch Zustrom von Luft von außerhalb der Wohnung über Öffnungen, Spalten, Ritzen, Schlüssellöcher usw. ausgeglichen wird. Diese Verbrennungsluftzufuhr darf nicht behindert werden, sonst kann bei der Verbrennung im Ofen gefährliches Kohlenstoffmonoxid entstehen. Daher ist ein einzuhaltende Mindest-Zustrom und die dafür erforderlichen Öffnungsquerschnitte in Vorschriften geregelt, die der Schornsteinfeger kontrolliert.

Schornsteine
Schornsteine

Man könnte also auch sagen, dass eine in Betrieb befindliche Feuerstätte, z.B. ein Kaminofen, dafür sorgt, dass stetig frische Luft von außen angesaugt wird. Ein Schornstein hat demnach eine ähnliche Wirkung wie eine Abluftanlage mit Ventilator. Und selbst wenn der Ofen aus ist, wird, angetrieben durch den im Winter vorhandenen Temperaturunterschied zwischen innen (z.B. 20°C) und außen (z.B. 3°C), ein Zug feststellbar sein. Dieser führt zu einem mehr oder weniger starken Zustrom frischer Luft von außen. Andersherum ausgedrückt: Dort wo der für den Luftwechsel erforderliche Antriebsmechanismus fehlt (z.B. bei Zentralheizung, Fernheizung, Stromheizung) reduziert sich auch der natürliche Luftwechsel bei sonst gleichen Bedingungen. Das ist auch im Sommer der Fall, da es keine nennenswerten Temperaturunterschiede zwischen innen und außen mehr gibt. Allerdings haben wir im Sommer die Fenster meist länger und öfter geöffnet, so dass das sich dennoch ein ausreichender Luftwechsel einstellt.

Wird ein Schornstein abgerissen oder anderweitig außer Betrieb genommen, kommt der geschilderte Lüftungsantrieb zum Erliegen. Auch wenn eine Einzelofenheizung durch eine Zentralheizung ersetzt wird, erfolgt dieser Eingriff in die Dynamik der Be- und Entlüftung der Räume. Die Luftströmungen im ganzen Haus verändern sich und kommen in einigen Räumen komplett zum Erliegen. Das hat Folgen:

  • Da weniger, meist trockene Luft von außen nach strömt, kommt es im Winter tendenziell zu einem Anstieg der relativen Luftfeuchtigkeit in den Wohnräumen. Das Risiko für feuchte Wände und Schimmelbildung steigt.
  • Sind in zentral beheizten Räumen dicht schließende Fenster und Türen, z.B. nach eine Modernisierung vorhanden, kommt der bisherige natürliche Luftaustausch nahezu vollständig zum Erliegen.
  • Durch den einschlafenden Luftwechsel werden Luftschadstoffe langsamer abgeführt.

Verringerter Luftwechsel nach Einbau eines Gas-Brennwertheizgerätes

Ein sehr interessanter Beratungsfall führte mich in die Wohnung einer Familie, die für Wärmebereitstellung und warmes Wasser lange Jahre eine Gastherme nutzte. Eine Schimmelbildung setzte ein, nach dem die Gastherme durch ein neues Gas-Brennwertheizgerät ersetzt wurde. Die sonstigen Wohnbedingungen blieben gleich.

Gas-Heizgeräte dieser Art gibt es in zwei unterschiedlichen Ausführungen bzw. Anschlussarten. Abhängig von der Verbrennungsluftzufuhr, werden sie entweder raumluftabhängig oder raumluftunabhängig angeschlossen.

Die zuvor eingebaute Therme war raumluftabhängig angeschlossen. Die für die Verbrennung erforderliche Verbrennungsluft wurde dem Aufstellraum entnommen, in diesem Fall aus dem Bad. Über Öffnungen in der Badtür war ein Luftverbund mit dem Rest der Wohnung hergestellt. Wenn die Therme gestartet war, wurden Abgase mit einer Temperatur um 100 °C erzeugt, die durch den Auftrieb im Abgasrohr bzw. einem Schornsteinverschwinden. Durch die offene Verbindung mit dem Abgasweg (Schornstein) der bisher angeschlossenen Therme entstand auch ein Auftrieb, ohne dass die Therme arbeiten musste. Allein der Temperaturunterschied zwischen der Wohnraumluft und der winterlichen Außenluft reichte aus, damit immer ein gewisse Menge warmer Abluft nach außen abgeführt wurde. Noch mehr Auftrieb erhielt die abströmende Luft durch ein immer brennendes Zündflämmchen.

Raumluftunabhaengige Betriebsweise eines Gas-Brennwert-Heizgeraetes
Raumluftunabhaengige Betriebsweise eines Gas-Brennwert-Heizgeraetes

Infolge des mehr oder weniger starken Zuges entstand immer ein Unterdruck im Aufstellraum, der zur Ansaugung von Luft aus den anderen Räumen führte. So wirkte die bisher angeschlossene Gastherme in der kalten Jahreszeit wie eine Art unsichtbares Lüftungssystem. Die mit Feuchtigkeit angereicherte Luft wurde abgeführt und trockene Außenluft durch Ritzen und Spalten (Fenster und Türfugen, Briefkastenschlitze, Schlüssellöcher) angesaugt. Das war die Situation vor der Modernisierung.

Das neue Gas-Brennwertgerät wurde raumluftunabhängig angeschlossen. Bei dieser Anschlussart erfolgt die Verbrennungsluftversorgung über ein zusätzliches Luftrohr von außerhalb der Wohnung. Diese Veränderung der Anschlussart verringerte den Luftaustausch in der Wohnung, da es im Bad keine Unterdrucksituation mehr gab. Durch die gleichzeitig beibehaltenen Lüftungsgewohnheiten verringerte sich der Luftwechsel, die Wohnraumluft wurde feuchter. Eine gut gemeinte Modernisierung zum Zwecke der Energieeinsparung (Brennwertgeräte haben einen um etwa 15 % besseren Wirkungsgrad) führt zu einem sich über mehrere Jahre hinziehenden Problem mit unangenehmer Schimmelbelastung. Erst nachdem klar war, wie es zur Schimmelbildung kommen konnte, wurde eine Änderung der Lüftungsweise besprochen und umgesetzt (häufigere und kürzere Stoßlüftung), wodurch das Problem nach und nach beseitigt wurde.

Mein Fazit: Es ist nicht ratsam, sich auf Selbstlüftung zu verlassen, die bei heutiger dichter Bauweise kaum, und im Sommer wegen der geringen Temperaturunterschiede sowieso nicht funktioniert. Bei einer Einzelofenheizung mit Schornsteinanschluss und undichten Fenstern strömt im Winter viel und meist trockenere Außenluft in den Raum und führt durch „Verdünnung“ zu einer Reduzierung der relativen Luftfeuchtigkeit. Bei einer Zentralheizung und dichten Fenstern ist dies nicht mehr der Fall – die Luftfeuchtigkeit geht tendenziell nach oben, die Belastung durch Luftschadstoffen steigt – wenn die Lüftungsweise nicht angepasst wird.

Modernisierungen zur Energieeinsparung (Heizung, neue Fenster) führen nicht selten zu einer Reduzierung der Intensität des Luftaustausches. In der Folge wird die Luft feuchter, was zu Durchfeuchtungen mit Schimmelbildung beitragen kann. Eine Modernisierung muss sich auch mit der Notwendigkeit zur Veränderung des Lüftungsverhalten beschäftigen.

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