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Wie lüften? Kipplüftung oder Stoßlüftung?

28.10.2019 | von: fegonnow54 | Kategorie: Fensterlüftung, Lüften, Lüften lernen!, Luftfeuchte und Kondensat | Druckansicht Druckansicht

Kipplüftung oder Stoßlüftung? Auf Kippe lüften ist verbreitet, jedoch wenig effizient. Wirksamer ist es, im Winter die Luft mit weit geöffneten Fenstern auszutauschen.

Mir ist auf Urlaubsreisen aufgefallen, dass in zahlreichen Ländern andere Fensterbauarten als in Deutschland üblich sind. In der Schweiz z.B. besitzen zwar die meisten Fenster Doppelverglasung, aber nur eine Drehfunktion nach innen öffnend, die Kippfunktion fehlt. In den warmen Mittelmeerländern finden wir häufig Einscheibenverglasung und eine filigranere Rahmenkonstruktion. Auch hier fehlt aber die Kipplüftungsmöglichkeit. In England und Nordamerika öffnen die Fenster nach außen, wenn es keine Schiebefenster sind. Auch in den nordischen Ländern gehen viele Fenster und Türen nach außen auf, da wäre eine Kipplüftungsstellung mit einem nach außen klappenden Fensterflügel völlig unsinnig.

Was ist so besonders an den in Deutschland üblichen Dreh-Kipp-Beschlägen, außer das diese recht kompliziert aufgebaut sind? Nun, die Kippstellung ermöglicht, das Fenster zum Lüften anzukippen, ohne das Fensterbrett freizuräumen – und hier steht in deutschen Wohnungen so allerlei. Der Fensterflügel steht beim Lüften auch nicht in den Raum, Gardinen müssen nicht aufgezogen werden. Bei einem gekippten Fenster dringt trotz eines gewissen Luftaustausches kaum Regenwasser ein, ein heftiger Wind tut dem gekippten Fenster nichts. Das Einsteigen von außen ist erschwert. Einige Vorteile.

Kipplüftung vermeiden! Prinzipdarstellung der Luftströmungen bei gekippten Fenster im Winter
Kipplüftung vermeiden! Prinzipdarstellung der Luftströmungen bei gekippten Fenster im Winter

Nachteile? Bei einem zum Lüften gekippten Fenster ist die Lüftungseffizienz, also der Luftaustausch pro Zeiteinheit, vergleichsweise gering. Die wegen der vergleichsweise kleinen Öffnung behinderte Strömung führt zu stark verlangsamten Luftaustausch. Das hat Einfluss auf das Regelverhalten des Thermostatventiles des Heizkörpers. Es öffnet lange, weil sich ein geringer, aber stetiger kühler Luftstrom auf die Ventilkappe „ergießt“. Der Heizkörper erwärmt sich unnötigerweise. Das geschieht selbst bei zurückgedrehtem, also geschlossenem Ventil in der Frostschutzstellung (öffnet bei etwa 7°C). Die vom Heizkörper erwärmte Luft steigt nach oben und strömt infolge der Thermik gleich wieder aus dem oberen Teil des angekippten Fensters. Das wird auf von außen aufgenommenen Thermogrammen in erschreckender Weise sichtbar. Die langfristige Folge ist ansteigender Brennstoffverbrauch.

Wärmebild der Kipplüftung
”Fahnenbildung” durch entweichende Warmluft bei einem auf Kipp stehenden Fenster

Wärmebilder von Außenwänden, bei denen Fenster gekippt sind, zeigen die sehr typische “Fahnenbildung”. Sie entsteht durch das Entweichen warmer Raumluft. Erkennbar ist die starke Erwärmung der Wandoberflächen oberhalb der Fenster und die damit verbundene Energieverschwendung. 

Thermogramm der Wärmeverluste eines Fensters bei Kipplüftung
Thermogramm der Wärmeverluste eines Fensters bei Kipplüftung

Trotz Anstieg der Heizkosten bringt die Kipplüftung aber keinerlei Behaglichkeitszuwachs, im Gegenteil. Ein Teil der einströmenden kalten Luft wird von der aufsteigenden Warmluft nicht erfasst, fällt an den Seiten zu Boden. Vor allem dann, wenn die Heizkörper zu schmal sind, kann sich am Zimmerboden ein unangenehmer Kaltluftsee bilden. Dann wird es auch bei guter Bodendämmung fußkalt. Die Lüftungsintensität (Luftaustausch in bestimmter Zeit) ist bei der Kippstellung sehr gering. Man wird daher sehr lange in dieser Stellung lüften müssen, um bis in die Tiefe des Raumes einen ausreichenden Luftaustausch herbeizuführen.

Eine vollständige Lüftung des Raumes dauert etwa sechs- bis zehnmal so lange wie eine Lüftung mit weit geöffnetem Drehflügel. Bei einer Kipplüftung im Winter kühlt sich der fensternahe Bereich oben (Sturz), links und rechts (Laibungen) und die Fensterbank stark ab. Das kann nach dem Schließen des Fensters zum Absetzen von Kondensat führen, Durchfeuchtung und Schimmelbildung sind möglich.

Das sind bedeutende Nachteile, zumindest im Winter. Es empfiehlt sich daher in der kalten und regenerischen Jahreszeit kurz, dafür aber häufiger und mit weit geöffneten Flügeln zu Lüften. Welcher Erfolg mit dieser Methode verbunden ist, zeigt folgendes Diagramm, bei dem die Messwerte einer Langzeitmessung der Raumtemperatur (dunkelblau) und Raumluftfeuchtigkeit (violette Kurve) entnommen wurden.

Optimale Fensterlüftung: Temperatur-Feuchte-Entwicklung nach Lüftungsvorgängen
Optimale Fensterlüftung: Temperatur-Feuchte-Entwicklung nach Lüftungsvorgängen

Der Erste Lüftungsvorgang um etwa 9.00 Uhr verringert die relative Luftfeuchtigkeit von etwa 56 % auf 40% um nach dem Schließen des Fensters wieder auf 51 % zu steigen. Die weiteren Lüftungsvorgänge setzen jeweils bei etwa 51 % ein, so dass den ganzen Tag die Luftfeuchtigkeit nicht über maximal 55 % ansteigt. Die Raumlufttemperatur geht bei jedem Lüftungsvorgang zwar kurz in die Knie, bleibt jedoch, auf den Tag gesehen, annähernd konstant. Offensichtlich hat niemand die Einstellung am Thermostatventil geändert.

Mein Fazit: Die Stellung „auf Kippe“ ist für eine effiziente Wohnraumlüftung völlig ungeeignet. Die Luft wird rascher und vollständig ausgetauscht, wenn mit weit geöffnetem Fenster mehrmals am Tag nur wenige Minuten am Stück gelüftet wird. Außerdem kühlt der Raum und die fensternahen Bauteile weniger aus. Die Türen des zu lüftenden Raumes bleiben dabei besser geschlossen, so dass kein Durchzug entsteht. Wenn mehrere Fenster im Raum sind, bleibt ein Fensterbrett leer, so dass mit diesem Fenster im Winter immer gut gelüftet werden kann.

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